recht handfest

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Sep 172011
 

gings im 15. Jahrhundert hier in der Gegend zu, wie ich bei Gustav Freytag im 24. Kapitel der Bilder aus der deutschen Vergangenheit finde:

Um das Jahr 1487 ist mein Vater zu Ranzin im Kruge, der am Kirchhof auf Anklam zu liegt und unter die Junker Osten zu Quilow gehört, dem Wirt Hans Sastrow geboren worden. Nun hatte dieser Hans Sastrow an Vermögen, Gestalt, Stärke und Verstand die Junker Horne, welche ebenfalls zu Ranzin wohnten, weit übertroffen, so daß er schon vor seinem Ehestande sich mit ihren Hofhufen wohl vergleichen konnte. Das hat denn die Horne übel verdrossen, sie haben sich aufs äußerste beflissen, ihm Schimpf, Spott, Schaden, Nachteil zu bereiten, ihm auch Gesundheit und Leben zu gefährden. Und da sie für ihre Person nicht konnten noch durften, haben sie ihren Vogt abgerichtet, in den Krug zu gehen, zu zecken, Zank und Unwillen mit dem Wirt anzufangen und denselben mit Schlägen bis zum Tode abzufertigen. Denn obgleich der Horne vier in Ranzin saßen, so sind doch ihre Hufen, Einnahme und Vermögen so gering gewesen, daß sie sich alle vier mit einem Pflugvogt haben behelfen können. – Aber was geschieht? Da der Wirt wußte, daß die Horne ihm nachstellten, und leicht vermerkte, was der Vogt im Sinne hatte, ist er diesem zuvorgekommen und hat ihn so abgefertigt, daß er kaum auf allen vieren aus dem Kruge hat kriechen können.

Als Hans Sastrow nun spürte, daß der Horne Feindseligkeit nicht aufhörte, sondern täglich zunahm, so hat er, um sich und die Seinen aus der Gefahr zu bringen, ungefähr ums Jahr 1487 sich mit seinem Junker, dem alten Hans Osten zu Quilow, wegen seiner Bauernpflicht in Güte gänzlich auseinandergesetzt, hat darauf zu Greifswald das Bürgerrecht gewonnen, daselbst in der Fleischhauerstraße das Eckhaus, Herrn Brand Hartmann gegenüber, gekauft und allmählich das Seinige von Ranzin in sein gekauftes Haus geführt. So hat er sich ein Jahr vor meines Vaters Geburt von den Osten geschieden und ist bürgerlichen Standes geworden.

Was geschieht? – Merkt diese greuliche, mörderische Tat! Anno 1494 ist Kindelbier zu Gribow, wo auch ein Horne seinen Sitz hat, es liegt nicht weit von Ranzin, rechts, wenn man von Greifswald nach Ranzin fährt. Zu demselben Kindelbier ist mein Großvater Hans Sastrow als nächster Verwandter geladen, hat seinen Sohn, meinen Vater, der damals ungefähr sieben Jahr war, bei der Hand genommen und ist den kurzen Kirchweg dahin gegangen.

Die Horne von Ranzin haben zum Valet und Abschied diese Gelegenheit nicht versäumt, sondern ins Werk setzen wollen, was sie seit vielen Jahren im Herzen gehegt. Sie sind auch nach Gribow geritten, als wollten sie daselbst ihren Vetter besuchen, und um die bequemste Gelegenheit selbst zu ersehen, sind sie ins Kindelbier gegangen und haben sich mit an den Tisch gesetzt, woran mein Großvater saß. Denn sie waren so herunter, daß sie die Bauernkost und Gesellschaft nicht verschmähten. Als sich die Horne nun spät am Nachmittag vollgetrunken, sind sie sämtlich aufgestanden und haben ihren Biergang in den Stall gemacht. Und vermeinten, sie wären dort allein. Es stand aber einer von meines Großvaters Verwandten auch im Stall in einem Winkel, der hörte an, wozu sie sich entschlossen hätten, sie wollten eilig auf ihre Pferde fallen, sobald sie merkten, daß mein Großvater aufbräche, um ihm unterwegs zu begegnen und alsdann ihn und auch sein Söhnlein zu Tode zu schlagen.

Der Mann kommt zu meinem Großvater, sagt ihm, was er im Stall gehört hat, und rät ihm, daß er sich noch bei Tage aufmachen und heimgehen solle. Dem ist auch mein Großvater gefolgt, ist aufgestanden, hat seinen Sohn, meinen Vater, bei der Hand genommen und ist nach Ranzin gegangen. Als er aber auf halbem Wege zwischen Ranzin und Gribow in das Gehölz im Moor kam, das mit Buschwerk und Gestrüpp bewachsen ist, haben die mörderischen Bösewichter ihm den Weg versperrt, haben ihn mit den Pferden zu Boden getreten und ihm den Leib voll Wunden gehauen, so daß sie nicht anders meinten, als er wäre tot. Sie sind aber daran noch nicht ersättigt gewesen, sondern haben ihn an einen großen Stein geschleppt, der noch jetzt vorn in dem Moor liegt, haben ihm auf dem Stein die rechte Faust abgehauen und ihn so für tot liegenlassen. Der Junge aber, mein Vater, ist mittlerweile ins Moor gekrochen, hat sich im Gesträuch auf einem Rasenhügel versteckt, daß sie mit den Pferden nicht zu ihm kommen und, da es anfing finster zu werden, ihn in den Büschen auch nicht finden konnten.

Die andern Bauern sind nachgeritten zu sehen, was die Horne gemacht hätten, haben den Verwundeten so zugerichtet gefunden und den Jungen aus dem Moor geholt. Einer unter ihnen ist nach Ranzin gerannt, hat schnell Wagen und Pferde geholt. Darauf hat man den Verwundeten gelegt, an dem kein Leben mehr gespürt wurde, als daß er bei der Ankunft in Ranzin noch einmal aufjappte und verschied.

An­drzej Sta­si­uk: Dojczland

An­drzej Sta­si­uk: Dojczland

In dem in der edition suhrkamp erschienen Reisebericht Dojczland schrieb der von mir sehr geschätzte Andrzej Stasiuk: … Aber die Zerrissenheit der DDR reicht bestimmt tiefer. Ich selbst bin auch […]